Der Totenkult von Tana Toraja

In Indonesien gibt es etwa 300 ethnische Minderheiten, die bis heute ihre eigenen Traditionen pflegen. Den Totenkult der gastfreundlichen Toraja in Südsulawesi im Rahmen einer Beerdigung zu erleben, ist ein spannendes Schauspiel. Doch die blutigen Opferrituale sind nichts für schwache Nerven.

 

Im Land Tana Toraja dreht sich das ganze Leben um den Tod, genauer gesagt um Beerdigungen. Denn die Toraja glauben, dass das Leben auf der Erde nur ein Übergang und nur das Jenseits von Bedeutung ist. Und so wird während der Lebenszeit fleißig gespart, damit man die Verstorbenen standesgemäß ins Jenseits schicken kann.

 

Anreise von Makassar nach Tana Toraja

Meine Reise beginnt im Süden der Insel, in Makassar, der Hauptstadt der Provinz Südsulawesi. Von dort aus kommst du relativ bequem mit dem Bus in ca. acht Stunden in die Stadt Rantepao, das kulturelle Zentrum der Region.

Da ich etwas länger Zeit habe und möglichst viel von Sulawesi sehen will, entscheide ich mich für einen kleinen Umweg über das Mamasa Valley.

Mamasa liegt im Hochland westlich von Rantepao und eignet sich sehr gut für Trekkingtouren. Ich habe zwar nicht vor, wandern zu gehen, aber ein kleiner Abstecher in weniger touristische Regionen ist immer gut.

 

Nach einem zweitägigen Stopp im gemütlichen Mamasa mache ich mich zurück auf den Weg nach Rantepao. Hierfür habe ich zwei Optionen, entweder den gleichen langen Weg zurück, den ich gekommen bin, oder aber die vermeintliche Abkürzung mit dem Kijang, einem Geländewagen, quer durch das Hochland. Mit dem Jeep durch die Berge klingt doch gut, oder?

Ein bisschen irritierend ist natürlich die Tatsache, dass die Straße zwischen Mamasa und Rantepao auf der Karte im Reiseführer nicht mal existiert. Außerdem meint unser Fahrer lächelnd, dass er uns nur die halbe Strecke fahren kann, weil er morgen wieder nach Hause muss.

Was das genau bedeutet, ist mir zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht ganz klar, aber was soll´s, irgendwie werde ich schon in diesem Rantepao ankommen.

 

Mit dem Jeep durchs offene Gelände

Die Fahrt mit dem Jeep ist absolut genial. Eine richtige Straße gab es eigentlich nur bis kurz nach dem Ortsschild von Mamasa, dann geht es eine Zeitlang gemütlich auf einem Schotterweg dahin, ein bisschen später werden daraus etwas größere Steine und dann kommt der Moment, an dem klar wird, warum wir mit einem 30 Jahre alten Geländewagen, an dem ohnehin nichts mehr kaputt gehen kann, einer Schaufel und zwei Ersatzrädern unterwegs sind: Diese »Straße« ist nichts anderes mehr als Lehmrinnen, Löcher und abgerutschtes Gelände.

Teilweise ist das Auto in so einer Schräglage, dass ich befürchte, dass wir gleich umkippen. Und manchmal können wir einfach nur noch schallend lachen, weil wir zu zweit auf dem Beifahrersitz über Stunden auf und ab hüpfen und uns einfach nur noch alles weh tut. Ob es nun tatsächlich eine Abkürzung ist oder der junge Mann einfach Geld verdienen will, sei an dieser Stelle mal dahingestellt. Fakt ist, dass man über die Hälfte des Weges auch einfach hätte laufen können, denn der Jeep ist nur unwesentlich schneller unterwegs. Auf der anderen Seite habe ich selten so viel auf einer Fahrt gelacht und hätte ich gewusst, was mich erwartet, hätte ich vermutlich freiwillig noch viel mehr Geld für dieses Abenteuer bezahlt.

 

Zu Gast beim Bürgermeister

Auf jeden Fall kommen wir dann irgendwann in Bittuang an und unser Fahrer ist der Meinung, dass seine Fahrt hier endet. Bittuang ist ein Dorf inmitten von nirgendwo und eigentlich würde ich am liebsten gleich weitergefahren. Da es aber schon später Nachmittag ist und es am gleichen Tag anscheinend keine Transportmöglichkeiten mehr nach Rantepao gibt, hat uns der Fahrer vor dem Haus des »kepala desa«, quasi dem Bürgermeister, abgesetzt. Das ist in Indonesien üblich. Denn wenn es am Ort kein Gästehaus gibt, ist es die Pflicht des Bürgermeisters, sich um die Gäste zu kümmern und sie bei sich aufzunehmen. Und so werden wir freundlich empfangen und dürfen es uns in einem nett eingerichteten Zimmer im Dachgeschoss gemütlich machen. Eigentlich will ich am nächsten Morgen gleich weiter, doch dann erfahren wir, dass hier im Ort am nächsten Tag eine große Beerdigung stattfindet, auf der wir nun herzlich eingeladen sind. Perfekt, denn dafür bin ich doch schließlich in der Gegend, oder?

Also gehen wir am nächsten Vormittag auf die Beerdigung. Als wir dort ankommen, ist noch alles in den Vorbereitungen. Auf dem Platz in der Mitte sind die Wasserbüffel festgebunden, auf zwei Seiten Tribünen für die Gäste aufgebaut, auf der hinteren Seite ist ein rot bemaltes traditionelles Haus und auf der rechten Seite ist ein normales Haus mit Balkon zum Platz. Die Gäste sind alle dunkel gekleidet, entweder in Schwarz oder in Rot. Im obersten Stockwerk des roten Hauses sind die beiden runden Särge der Verstorbenen, anscheinend Geschwister, aufgebahrt. Die beiden sind nicht gleichzeitig gestorben, aber hier ist es nicht unüblich die Leichen einbalsamiert so lange zu Hause aufzubewahren, bis genügend Geld für die Beerdigung gespart ist.

 

Opferrituale für die Toten

Heute sollen 17 Wasserbüffel geopfert werden, und das ist ein sehr besonderes Ereignis, denn nur die wenigsten können sich so viel leisten. Wenn man bedenkt, dass ein normaler Wasserbüffel ca. 2000 Euro kostet und das monatliche Durchschnittseinkommen der Einheimischen in dieser Region bei zirka 50 Euro liegt, dann wird einem natürlich bewusst, wie wichtig diese Tradition für die Leute dort ist.

Als einzige weiße Gäste auf dieser Veranstaltung dauert es natürlich nicht lange, bis wir der Familie der Verstorbenen vorgestellt werden. Diese freut sich wahnsinnig über unseren Besuch und bietet uns gleich einen Platz auf ihrem Balkon an. Und da die ersten Wasserbüffel so langsam nervös werden und ich ohnehin nicht unbedingt mitten im Geschehen sitzen will, kommt dieses Angebot gerade recht. Und so sitze ich da mit gemischten Gefühlen und einem Kaffee in der Hand, und warte, bis es losgeht.

 

Und dann ist es so weit, der erste Wasserbüffel soll sterben. Ich bin total nervös und habe die unterschiedlichsten Gedanken in meinem Kopf. Eigentlich gehören Wasserbüffel zu meinen Lieblingstieren in Asien, und die Tatsache, dass ich nun zuschauen soll, wie sie vor mir umgebracht werden, löst in diesem Moment zugegeben ein bisschen Skepsis aus.

Aber gut, schlechte Gedanken hin oder her, ich kann die Zeit nun ohnehin nicht anhalten. Abgesehen davon scheint sich jeder um mich herum zu amüsieren und eine gute Zeit zu haben.

Und da steht er nun, ein großer schöner Wasserbüffel, angebunden an dem Pfahl in der Mitte des Platzes. Einer der Männer geht zu dem Tier, nimmt seine Machete, setzt sie gekonnt am Hals des Büffels an und schneidet mit einem Satz eine tiefe Wunde durch die Hauptschlagader. Um ehrlich zu sein, ist dieser Moment entsetzlich und ich denke, ich bin im falschen Film.

 

Ein Mann hat eine riesige Kamera und filmt das Ganze aus ca. zwei Metern Entfernung. Einige Männer sind nun damit beschäftigt den nächsten Wasserbüffel auszuwählen, die Frauen lachen und die Kinder spielen. Von Traurigkeit ist hier keine Spur und ich glaube, die einzige, die in diesem Moment ergriffen ist, bin ich.

 

Und da steht er immer noch, der Wasserbüffel mit einem gewaltigen Schnitt in der Kehle, und blutet vor sich hin. Nach ein paar Minuten fällt er zu Boden, dann liegt er da, röchelnd und ich denke, es ist gleich vorbei. Aber nein, auf einmal richtet er wieder auf und kämpft, geht auf die Leute los und versucht, sich zu wehren. Aber vergebens, denn zum einen ist er natürlich immer noch festgebunden und zum anderen hat er kaum noch Kraft. Und dann, endlich, geht er wieder zu Boden und stirbt.

Und so geht das dann vor sich hin. Sobald der eine Wasserbüffel tot ist, wird der nächste am Pfahl festgebunden. Und alles wiederholt sich. Spätestens nach dem Dritten habe ich mich auch langsam daran gewöhnt. Die einen sterben, die anderen werden vorbereitet und die, die bereits tot am Boden liegen, werden an Ort und Stelle enthäutet und in alle erdenklichen Einzelteile zerlegt. Ein schönes Bild ist es nicht, aber es macht natürlich nur Sinn. Denn es ist heiß und außerdem werden die verschiedenen Teile im Anschluss an alle Bewohner verteilt, es soll ja schließlich jeder was davon haben.

Auch wenn ich nach diesem Spektakel auf Rindfleisch in Indonesien verzichte, muss ich doch zugeben, dass diese Veranstaltung, wenn auch auf eine sehr spezielle Art, etwas Feierliches hat. Das klingt vielleicht komisch, aber für die Einheimischen ist das ein ganz besonderer Tag und sie sind unglaublich stolz, dass sie ihren Verwandten helfen können, nun schneller ins Jenseits zu kommen.

 

Einladungen zum Hahnenkampf

Und als ist das nicht Highlight genug für einen Tag, werde ich gleich im Anschluss noch zu einem Hahnenkampf gebracht. Denn dem Weg zurück halte ich jemanden auf einem Roller an und bitte ihn, mich den Hügel zurück nach oben zu unserem Haus zu fahren. Er hat jedoch eine bessere Idee und erzählt mit was von Hühnern. Ich verstehe zwar nur die Hälfte, aber da ich noch Zeit habe, stimme ich zu und fahre mit.

Hahnenkämpfe sind in Asien üblich und in dieser Region sind sie Teil der Tradition. Nach der Beerdigung treffen sich alle Männer und dann wird stundenlang zugeschaut, wie sich diese Hühner gegenseitig bekämpfen. Und natürlich wird gewettet und geschrien, anscheinend muss man Hühner auch anfeuern, wenn sie was tun sollen.

Und ich denke, man kann sich das Bild gut vorstellen. In der Mitte die kleine Arena und außenrum hunderte von Männern, die lauthals ihren Favoriten anfeuern und mit Geldscheinen wedeln. Und dann komme ich, an der Hand des Typens, der mich zurückgefahren hat. Für einen ganz kurzen Moment sind ziemlich viele Augen auf mich gerichtet, dann wird ein Weg freigemacht und ich werde zu den Hühnern in die Arena geschoben. Ja, da wollte ich natürlich nicht unbedingt hin. Aber ich denke, er hat es nur gut gemeint, denn schließlich bin ich ein seltener Gast und ich soll ja was sehen.

 

Wieder in Rantepao

Genug von Wasserbüffeln, Hühnern und indonesischer Gastfreundlichkeit. Jetzt mache ich mich erst einmal auf den Weg nach Rantepao.

In Rantepao angekommen, stelle ich fest, dass die Hotelpreise aus meinem Reiseführer nicht mehr besonders aktuell sind. Im August ist zwar Hochsaison und Rantepao mag auch touristisch sein, aber hier übertreiben manche Gästehausbesitzer doch maßlos. Nach langem Suchen komme ich dann im Duta 88 Cottages unter. Hier kostet das Zimmer zwar auch noch 350.000 IDR, aber wenigstens ist es, im Vergleich zu vielen anderen, die ich mir angeschaut habe, sehr sauber und zentral gelegen. Wie überall in der Stadt lungern zwar auch hier die Tourguides herum, aber wenigstens habe ich so meine Quelle für nützliche Informationen direkt vor der Tür.

Also miete ich mir am nächsten Tag einen Roller und mache mich auf den Weg. Vorher habe ich noch kurz die Touristeninformation besucht. Diese ist in Rantepao ausnahmsweise ziemlich hilfreich. Die netten Angestellten versorgen dich mit einer Karte der Umgebung, markieren alle sehenswerten Orte und sagen, wo und wann die nächste Beerdigungszeremonie stattfindet. Diese Information kann ich dem Tourguide in meinem Garten nämlich nicht entlocken.

 

Beerdigung – Teil 2

Und so ist meine erste Station wieder eine Beerdigung. Dieses Mal werden keine Wasserbüffel, sondern Schweine geopfert. Eigentlich bin ich mit einem recht guten Gefühl dort hingefahren. Im ersten Moment sieht auch alles vergleichbar mit der Zeremonie von vor zwei Tagen aus. Platz in der Mitte, Tribünen auf den Seiten und die Einheimischen sind guter Laune und essen zusammen.

Also alles gut, wären da nicht diese vielen Schweine, die der Seite liege. An Bambusstäben wurden sie festgebunden, um sie zu der Stelle, an der sie schlussendlich umgebracht werden, zu transportieren. Und das Allerschlimmste hier ist die Geräuschkulisse. Während die Büffel keinen Ton von sich gegeben haben, quieken diese Schweine natürlich wie am Spieß. Und es sind so viele. Auf dem Weg zurück zum Roller sehen wir dann noch, wie sie die Schweine umbringen. Offensichtlich scheint es die Tradition zu verlangen, dass die Tiere langsam ausbluten müssen. Das war bei den Wasserbüffeln schon nicht schön, aber bei den Schweinen war es, wie wir in Bayern sagen, unter aller Sau.

Da setzen sie das Schwein also in dieses Bambusgestell, und dann kommt einer und sticht dem Schwein von der Seite in den Bauch und lässt es in aller Ruhe unter elendem Gequieke ausbluten. Wenn es nicht sterben will, dann sticht er eben noch ein zweites Mal rein. Das dauert eine gefühlte Ewigkeit, und wenn das Schwein dann endlich tot ist, kommt einer mit dem Bunsenbrenner um die Haare abzubrennen. Auf den Gestank von verbrannter Haut möchte ich lieber nicht weiter eingehen. Ich schaue mir das nicht besonders lange an und bin ziemlich froh, als ich von diesem Ort wieder weg bin.

 

Sehenswürdigkeiten rund um Rantepao

Aber nun zum schönen Teil, denn zum Glück gibt es in Rantepao nicht nur Beerdigungen, sondern auch sehr viele andere Orte, die durchaus sehenswert sind. Die bekanntesten sind wohl Londa, Kete Kesu, Lemo und die Baby Graves von Kambira, wobei du dir Letzteres auch getrost sparen kannst. Hier gibt es genau einen Baum, in dem die Einheimischen vor ca. 60 Jahren anscheinend ihre toten Babys begraben haben. Du siehst aber wirklich nur den Baum, dafür muss man nicht unbedingt Eintritt zahlen.

 

Die anderen Orte hingegen sind ziemlich spannend, wenn auch teilweise etwas skurril. In Londa kannst du beispielsweise durch zwei Höhlen gehen, umgeben von halb offenen Särgen und unzähligen alten Knochenteilen. Im wunderschönen Kete Kesu inmitten von Reisfeldern kannst du gut erhaltene traditionelle Reisscheunen sehen und alte Höhlengräber bestaunen. Und Lemo lohnt sich für die hängenden Gräber an der Felswand und ist berühmt für seine Holzschnitzereien. Ansonsten macht es auch einfach Spaß, mit dem Roller von einem kleinen Dorf zum nächsten zu fahren. Plan mindestens zwei volle Tage für einen Besuch in Rantepao ein, es lohnt sich!

 


 

Text & Bilder: Sandra Gruber

Sandra ist mit dem Rucksack auf dem Rücken fast zwei Jahre lang durch Südostasien gereist. Sie interessiert sich vor allem für die Menschen in den jeweiligen Ländern und hat eine Vorliebe für Indonesien. Wenn sie nicht gerade wieder unterwegs ist, lebt und arbeitet sie in München.

Ich bin Stefan. Seit 2006 ist Südostasien zu meiner zweiten Heimat geworden, seit 2013 berichte ich über die schönsten Ziele auf diesem Blog. Mehr über mich erfährst du hier. Du willst nichts verpassen? Dann folge mir auf Facebook, Twitter, Google+ oder Instagram.

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Veröffentlicht von Stefan Diener am 5. April 2017. Zuletzt aktualisiert am 5. April 2017.

Kommentare1 Kommentar

  1. So interessant so ein Trip ist, die Bilder können einem ganz schön auf den Magen schlagen. Ist wirklich nicht jedermanns Geschmack.

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